Grenzenlose Sprachen

22. Oktober 2018 | By | Add a Comment

Als die Shortlist des Deutschen Buchpreises bekannt gegeben wurde, betonte die Süddeutsche Zeitung, dass die ausgewählten Bücher weit über „(inner-)deutsche Befindlichkeiten oder die deutsche Vergangenheitsbewältigung“ hinausgehen: „Ihre Erzählwelten umfassen tatsächlich den gesamten Globus: Argentinien, China, Tschetschenien, Russland oder Teneriffa.“ Gewonnen hat den Preis schließlich Inger-Maria Mahlke, aufgewachsen in Lübeck und auf Teneriffa.

Mit Nino Haratischwilli und María Cecilia Barbetta werden zwei der sechs Finalist_innen im November zu Gast im Literaturhaus sein – und das ist keineswegs Zufall, sondern Programm: Internationalität und Vielsprachigkeit haben sich über die Jahre erfolgreich zu einer Tradition innerhalb des Literaturfests München entwickelt.

24 Sprachen, 1 Festival

Mit Schönes Babel. Europäische Lektüren führt Jan Wagner als Kurator des neunten forum:autoren diese Linie kreativ fort: Zum einen begreift er Europa in „weiterem geografischen und kulturellen Sinne, auch die Ukraine und Russland umfassend“ – und zum anderen ist mit Valzhyna Mort beispielweise eine in Weißrussland geborene Lyrikerin dabei, die zurzeit in den USA lebt und auch in der dortigen Sprache schreibt.

Sagenhafte 24 Sprachen kommen in den zweieinhalb Wochen zu Gehör – und das ist mitunter exakt so zu verstehen: Auf drei europäischen Lyriknächten lesen alle Autor_innen ihre Texte ausschließlich im Original – die deutsche Übersetzung wird parallel projiziert. Gleiches gilt für Kleines Babel, ein außergewöhnlicher Abend im Milla Club, der seltene Sprachen wie Ladinisch, Sorbisch und irisches Gälisch in den Mittelpunkt rückt. Bei den zwei Abenden Die schönen Inseln! gibt’s Lyrik und Prosa aus England und Irland, und Im Herzen Europas lesen Tadeusz Dabrowski und Adam Zagajewski auf Polnisch, sprechen mit Michael Krüger aber auf Deutsch über ihre Werke und die weiterer polnischer Giganten.

Mehrsprachig geht es auch auf der Münchner Bücherschau zu, wo die Spanierin Almudena Grandes ihren Roman Kleine Helden präsentiert, der ins heutige Madrid führt und in Auszügen von Helmut Becker auf Deutsch gelesen wird. Und der Norweger Jo Nesbø spricht mit Knut Cordsen auf Englisch über sein Shakespeare-Remake Macbeth. Blut wird mit Blut bezahlt, aus dem Oliver Mommsen auf Deutsch liest. Simultanübersetzungen gibt es am Wochenende: Die beiden Diskussionsrunden Die schönen Inseln? umkreisen Großbritannien und den Brexit, Schottland und die Unabhängigkeit, die Grüne Insel und die nordirische Grenze und fragen, wie drohende Trennungen Land und Leute verändern.

Apropos Grenzen und Sprachen: Angesichts zunehmender Separierungstendenzen allerorten sollte man sich vielleicht María Cecilia Barbetta zum Vorbild nehmen. 1972 in Buenos Aires geboren, lebt sie seit 1996 in Berlin und veröffentlicht seit 2008 auf Deutsch. Ihr nun für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman Nachtleuchten spielt in ihrer Geburtsstadt Buenos Aires kurz vor dem Militärputsch in den 1970er-Jahren – doch für einige darin beschriebene Orte und Figuren ließ sich Barbetta vom heutigen Berlin inspirieren. „Ich traue Demarkationslinien nicht“, erklärte die Autorin kürzlich auf dem Bayern 2-Diwan. „Argentinien ist nicht immer Argentinien – und die Sprache meines Argentiniens ist Deutsch. Das passt schon.“

(Text: Tina Rausch, Foto ©Juliana Krohn)

Sharing is caring <3

Gespeichert unter: Allgemein, forum:autoren, litmuc18, Münchner Bücherschau, Schönes Babel

Kommentar

Trackback URL | RSS Feed for This Entry