Schönes Babel. Europäische Lektüren

19. September 2018 | By | Add a Comment

Ein Lyrikband auf Platz fünf der Bestsellerliste sei „so exotisch wie ein Einhorn auf der Autobahn“, staunte Spiegel Online vor drei Jahren. Es ging um den Gedichtband Regentonnenvariationen, mit dem Jan Wagner den Preis der Leipziger Buchmesse 2015 gewann und in der Folge die Bestsellerliste erklomm. 2017 kam mit dem Georg-Büchner-Preis die hierzulande größte literarische Ehrung für ihn hinzu – und in diesem Jahr kuratiert der Berliner Lyriker das forum:autoren auf dem Literaturfest München!

Schönes Babel. Europäische Lektüren: Im Mittelpunkt des diesjährigen forum:autoren steht die sprachliche Vielfalt unseres Subkontinents. Dabei setzt Jan Wagner Europa nicht mit den Unionsstaaten gleich, sondern begreift es vielmehr in weiterem geografischen und kulturellen Sinne, auch die Ukraine und Russland umfassend.

Besondere Aufmerksamkeit widmet der Kurator dem Vereinigten Königreich und lädt angesichts des für März 2019 geplanten Brexits Gäste aus England, Schottland, Nordirland, Irland und Wales nach München ein. Zudem will Wagner die enorm vielfältige junge europäische Lyrik auffächern und dabei auch selten vorkommende Sprachen wie Rätoromanisch, Sorbisch, Katalanisch oder Bretonisch erklingen lassen. Nicht zuletzt bekommt die Kunst der Übersetzung eine Stimme, der literarische Transfer von Texten über kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg. Den idealen Raum für die kreative Auseinandersetzung mit babylonischem Sprachengewirr bietet schließlich die abendliche Festivalbar im Literaturhaus München: In der Babelbar treten Literatur, Musik und bildende Kunst in Dialog.

„An einem Punkt der europäischen Geschichte, an dem erneut nationalistisches Denken und nationaler Dünkel an Einfluss gewinnen, an dem separatistische Strömungen erstarken, auf regionaler und nationaler Ebene die Versuchung wächst, sich von der europäischen Gemeinschaft zu lösen, ist es an der Zeit, in der Literatur und in den Künsten über die uns verbindenden Ideen nachzudenken“, sagt Jan Wagner, „und vor allem den Reichtum auszustellen, der, bei allen Widersprüchen, Schwierigkeiten und Differenzen, erst durch das Mit-, nicht durch das Gegeneinander sichtbar wird.“

Jan Wagner wurde 1971 in Hamburg geboren, wuchs in Ahrensburg auf und lebt seit den 1990er-Jahren in Berlin. Schon während seines Anglistikstudiums in Hamburg und Dublin begann er, englischsprachige Lyrik zu übersetzen, und seit Erscheinen seines ersten Gedichtbands Probebohrung im Himmel 2001 ist er als Schriftsteller, Herausgeber, Literaturkritiker und Übersetzer aus dem Englischen und Amerikanischen tätig. Seine Gedichtbände heißen Guerickes Sperling, Achtzehn Pasteten oder Die Eulenhasser in den Hallenhäusern. 2016 veröffentlichte er mit Selbstportrait mit Bienenschwarm ein Best-of seines bisherigen poetischen Schaffens und 2017 den Essayband Der verschlossene Raum. Zudem gab Jan Wagner gemeinsam mit dem in München lebenden Lyriker Tristan Marquardt die Anthologie Unmögliche Liebe heraus, in der rund sechzig heutige Dichter_innen Minnelieder aus dem Mittelhochdeutschen übertrugen.

Jan Wagners Gedichte wurden in dreißig Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, zuletzt 2017 mit dem Zhongkun International Poetry Award in Peking und dem Georg-Büchner-Preis. Er ist Mitglied im P.E.N.-Zentrum Deutschland, in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste sowie der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz.

Das Kuratorenprogramm forum:autoren erfindet sich seit Beginn des Literaturfests München jedes Jahr neu: Es wird von wechselnden Schriftsteller_innen gestaltet, die mit ihrem individuellen Motto in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus München stets andere thematische und inhaltliche Schwerpunkte setzen.

Jan Wagner ist der neunte Kurator des forum:autoren. Er folgt auf Doris Dörrie, die 2017 unter dem Motto Alles Echt. Alles Fiktion das literarische Spiel mit Imagination und Wirklichkeit durchleuchtete. Frühere Kuratoren und Kuratorinnen waren Ilija Trojanow (lokal:global), Matthias Politycki (Die Welt auf Deutsch), Thea Dorn (Hinaus ins Ungewisse!), Dagmar Leupold (Stadt Land Fluss: Geschichten von der Gegenwart), Clemens Meyer (In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod), Albert Ostermaier (front:text) sowie Elke Schmitter mit ein wort gibt das andere.

Weitere feste Bestandteile des Literaturfests München sind die Münchner Bücherschau und das Programm des Literaturhauses München mit dem Markt der unabhängigen Verlage Andere Bücher braucht das Land.

(Text: Tina Rausch)

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