Das Kind, das ich mal war

17. Oktober 2017 | By | Add a Comment

Matthias, Andreas oder Oliver kann jeder. Die Erwachsenen finden daher, er solle sich glücklich schätzen. Doch der Junge nennt am Telefon lieber seinen vollen Namen, in der Hoffnung, „die Exotik seines ersten Vornamens“ abzumildern: Ijoma Alexander Mangold. Der Zeit-Literaturchef ist erstmals mit einer eigenen Geschichte zu Gast – für Das deutsche Krokodil begab er sich zurück in seine Kindheit und Jugend. Beim forum:autoren tritt er gemeinsam mit Catherine Millet zum Thema Weißt du noch? auf. Die französische Literaturkritikerin wurde mit intimen Bekenntnisbüchern bekannt und zeigt nun in Traumhafte Kindheit, wie stark uns frühe Erfahrungen prägen.

Weißt du noch? heißt es auch für Aya Cissoko. Ihr Erinnerungsbuch Ma ist zugleich eine Liebeserklärung an ihre malische Mutter, die der in Paris geborenen Tochter traditionelle Werte mitgeben möchte – und auf heftigen Widerstand stößt. Amy Liptrot schwankt ebenfalls lange zwischen Zuneigung und Ablehnung gegenüber ihrer Herkunft: Geboren auf den abgelegenen Orkneyinseln, flüchtet sie nach London. Wie sehr sie sich dort nach der „Weite des Himmels und dem grauen Gestein“ verzehrt, will sie nicht wahrhaben. Bis ihr aus den Fugen geratenes Leben sie dazu zwingt: In dem berührenden Memoir Nachtlichter erzählt Liptrot von der heilenden Kraft der Heimat. Woher ich komme – das beschäftigt auch Daniel Schreiber. Traumatisiert von früh erlebter Gewalt und Ausgrenzung als schwuler Junge in einem kleinen Dorf, analysiert er in seinem klugen Essay die schmerzhafte Sehnsucht nach einem Ort der Geborgenheit, kurz: Zuhause.

Neben diesen und weiteren Autobiografien, Memoirs und Bekenntnisbüchern auf dem Literaturfest – unter anderem von Xiaolu Guo, Irina Scherbakowa, Elena Lappin und Günther Maria Halmer – gibt es einige Romane, deren Stoffe dem Leben ihrer Schöpferinnen und Schöpfer entlehnt sind.

Arno Frank verwandelte in So, und jetzt kommst du seine Kindheitserlebnisse mit einem hochstaplerischen Vater in einen tragikomischen Abenteuerroman. Alina Herbing teilt mit ihrer Protagonistin Christin in Niemand ist bei den Kälbern eine unidyllische Jugend auf dem Land. Elnathan John ließ in sein Debüt An einem Dienstag geboren eigene Erfahrungen in Nigeria einfließen, und Ulla Hahn beendet mit Wir werden erwartet ihre autobiografische Tetralogie über ihr Alter Ego Hilla Palm.

Jeglicher Kategorie entzieht sich Péter Nádas: Seine als Memoiren betitelten Aufleuchtende Details reihen sich direkt ein in sein opulentes Romanwerk: Ausgehend vom frühesten „Erinnerungsbild meines Lebens“ spürt er auf 1280 Seiten inneren Verbindungen zwischen der eigenen Geschichte und großen Ereignissen des 20. Jahrhunderts nach. Ob ein 1944 „im Dunkel eines Budapester Mietshauses aufleuchtender Treppenabsatz“ wirklich am Anfang steht, bleibt dabei unklar: „Mein erstes Bild ist vielleicht gar nicht das erste, auch das weiß ich heute nicht mehr sicher.“ Doch angesichts der unvergleichlichen erzählerischen Kraft ist das ein zu vernachlässigendes Detail.

(Tina Rausch, Literaturfest Redaktion)

MerkenMerkenMerkenMerken

Sharing is caring <3

Gespeichert unter: Alles Echt. Alles Fiktion, forum:autoren, Literaturhaus, litmuc17, Münchner Bücherschau

Kommentar

Trackback URL | RSS Feed for This Entry