Literatur gucken

19. November 2016 | By | Add a Comment

Seit 25 Jahren zeichnet die Stadt München beispielhafte Fernsehsendungen über Bücher, Autorinnen und Autoren aus. Schauplatz der öffentlichen Jurysitzung und der Preisverleihung von LiteraVision am 18. und 19. November 2016 ist das Literaturhaus München.

Foto von arianta/flickr https://flic.kr/p/oAA7NV

Ja, die Literatur hat‘s schwer. Als vergleichsweise leises Kommunikationsmittel findet das Buch im medialen Überangebot kaum Gehör. Mit dieser Beobachtung wandte sich die SZ-Fernsehkritikerin und (Drehbuch-)Autorin Anne Rose Katz im Jahre 1990 an den damaligen Münchner Kulturreferenten Siegfried Hummel. Es war die Zeit des aufkommenden Privatfernsehens. Im Kampf um die Zuschauer blieb für die Literatur wenig Platz, und es wurde immer schwieriger, öffentliche Aufmerksamkeit für sie zu erringen. Wer, wenn nicht die Literatur- und Fernsehstadt München, könnte eine sinnvolle Verbindung zwischen den beiden Medien schaffen?, fragte Anne Rose Katz.

„Das war die Initialzündung für LiteraVision“, erzählt Christoph Schwarz. Zuständig für Theater und Film im Münchner Kulturreferat, begleitet er den Fernsehpreis von Anfang an. Seine Kollegin Katrin Dirschwigl, verantwortlich für Literatur, Preise und Stipendien, kam vor zehn Jahren dazu. 1990 verständigten sich Katz und Hummel darüber, wie so ein Preis aussehen könnte, und im Jahr drauf ging’s schon los.

LiteraVision ist bis heute nicht nur einmalig in der deutschsprachigen Medienlandschaft –seine Grundstruktur blieb über all die Jahre auch unverändert. Der städtische Preis ehrt Filmemacherinnen und Filmemacher aus dem gesamten deutschsprachigen Raum für beispielhafte Sendungen über Bücher, zeitgenössische oder bereits verstorbene Autorinnen und Autoren. Vergeben wird dabei je eine Auszeichnung in Höhe von 5000 Euro in den Kategorien Kurz- und Langfilm.

„Im Vordergrund steht die Information über Literatur“, sagt Christoph Schwarz. „Darauf legte Anne Rose Katz großen Wert.“ Es geht also nicht um Romanverfilmungen, sondern um Sendungen, die Neuerscheinungen, Klassiker oder Gesamtwerke, deren Entstehung, Hintergründe und Schöpfer thematisieren. Die Beiträge müssen in einem bestimmten Zeitraum im Fernsehen ausgestrahlt worden sein; einreichen dürfen sowohl die Sender als auch die Kreativen selbst. Damit wollte die Initiatorin verhindern, dass die Fernsehanstalten eine Vorauswahl treffen, die nicht im Sinne der Urheber ist. Zudem gewährleistet das Prozedere eine breitere – und wohl auch etwas unkonventionellere – Auswahl.

Die Preisvergabe erinnert an den bekanntesten deutschsprachigen Literaturwettbewerb: Wie beim traditionsreichen Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt (heute TDDL genannt) tagt die Jury öffentlich. Die von den Expertinnen und Experten vorab aus allen Einsendungen ausgewählten 13 Filme werden heuer am Freitag, den 18. sowie am Samstag, den 19. November jeweils von 10 bis 17 Uhr im Literaturhaus gezeigt und danach in Anwesenheit der Regisseure und Regisseurinnen diskutiert. „Die Idee ist, den Prozess transparent zu machen“, sagt Katrin Dirschwigl. „Das Publikum kann all die Kriterien, die sonst hinter verschlossenen Türen verhandelt werden, live miterleben.“ Bevor samstags um 20 Uhr der Preis verliehen wird, zieht sich die Jury zwar zur finalen internen Besprechung zurück – doch beim anschließenden Empfang lässt es sich wieder hervorragend über die Filme und die Gewinner debattieren.

Bei der Juryzusammenstellung setzt man auf einen Mix aus beiden Sparten: Den Bereich Film/Fernsehen vertreten diesmal Susanne Hermanski von der SZ, Kirsten Martins und Fatema Mian vom BR und die Dokumentarfilmerin Doris Metz; dazu kommen die Lektorin Christiane Schmidt, der Schriftsteller Stephan Puchner sowie fünf Stadtratsmitglieder.

LiteraVision sei speziell für angehende Filmemacherinnen und Filmemacher spannend, so Christoph Schwarz, weil innerhalb von zwei Tagen eine große Bandreite von Filmformaten zu sehen ist. Ihn selbst fasziniert auch der Rückblick: „Der Preis dokumentiert einen einzigartigen Zeitschnitt durch die Entwicklung des deutschen Fernsehens. Anhand der Einreichungen lässt sich ablesen, wie sich die Formate verändert haben. Darüber ließen sich Magisterarbeiten schreiben.“ So gäbe es von Jahr zu Jahr weniger Langfilme oder im Ausland produzierte Beiträge, weil die Anstalten für literarische Themen weniger Geld zur Verfügung und/oder keine Sendeplätze mehr hätten.

Bevor LiteraVision 2014 erstmals im Rahmen des Literaturfests München stattfand, kooperierte man mit dem DOK.fest München. „Doch auch wenn renommierte Dokumentarfilmer ihre Beiträge über Literatur im Wettbewerb zeigten, gingen diese angesichts der vielen anderen Filme auf dem Festival eher unter“, erzählt Katrin Dirschwigl. So entstand die Idee, mit LiteraVision auf dem Literaturfest gezielt Leute anzusprechen, die sich sowohl für Filme als auch für Bücher interessieren. Leichter hat es die schöne Literatur in der zunehmenden Bilder- und Medienflut heute sicher nicht. Umso wichtiger, dass es einen Preis wie LiteraVision gibt. Glückwunsch zum 25-jährigen Jubiläum!

Tina Rausch, Literaturfest Redaktion

 

Dieser Artikel erschien erstmals in der Film News Bayern 5/2016.
http://www.fff-bayern.de/presse/film-news-bayern/

 

Foto: arianta/flickr

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