Zeitläufe

15. November 2016 | By | Add a Comment

Ilse Dunkel (ille) / pixelio.de„Oh Augenblick, verweile doch, du bist so schön.“ – Für Goethes Faust ist der Wunsch, die Zeit anzuhalten, Sinnbild für den perfekten Moment. Für den Erzähler in Tilman Rammstedts Roman ist die verstreichende Zeit ein höchst existenzielles Problem: Morgen mehr spielt am 30. Juni 1972, an dem Tag, an dem er gezeugt wurde. „Das ist meine letzte Chance, danach bin ich zu alt, um noch geboren zu werden. Und glauben Sie mir: Ich habe nicht vor, sie zu verpassen.“ Fatal ist, dass sich die Eltern des Erzählers bis dato noch gar nicht kennen, ja sogar Hunderte Kilometer voneinander entfernt sind. Ein Glück hingegen ist, dass an diesem geschichtsträchtigen Tag erstmals die Zeit angehalten wurde – denn manchmal entscheidet eine Sekunde über Leben und Tod. Der Autor dieses rasanten Roadmovies über den Lauf gegen die Zeit ist mit seinen Kollegen Michael Ebmeyer, Bruno Franceschini und Florian Werner zu Gast beim forum:autoren: Als Fön bringen sie am Freitag, den 18. November im Einstein Kultur zeitlose Texte an Musik zu Gehör.

Exportschlager Uhrwerk

Cox oder Der Lauf der Zeit heißt Christoph Ransmayrs Roman, der Ende Oktober erscheint und vom Autor am Dienstag, den 15. November im Literaturhaus präsentiert wird. Von dort entführt uns der österreichische Erzähler an den Hof des Kaisers von China: Der mächtigste Mann der Welt möchte auch Herrscher über die Zeit sein und zitiert dafür den englischen Uhrmacher Alister Cox zu sich. Qiánlóng wünscht, „dass Cox ihm für die fliegenden, kriechenden oder erstarrten Zeiten eines menschlichen Lebens Uhren baute, Maschinen, die gemäß dem Zeitempfinden eines Liebenden, eines Kindes, eines Verurteilten und anderer […] den Stunden- oder Tageskreis anzeigen sollten – das wechselnde Tempo der Zeit“. Inspirieren ließ sich Ransmayr von dem Londoner Uhrmacher und Juwelier James Cox. Dieser reiste nie nach China, exportierte aber im 18. Jahrhundert seine fantastischen Werke bis in die Verbotene Stadt in Beijing, wo sie bis heute zu sehen sind und „mir dort“, so Ransmayer „den Takt ins Innere meiner Geschichten geschlagen haben“.

Zeitreise in einer durchwachten Nacht

Bei Mathias Ènard gibt eine durchwachte Nacht den Takt vor: In dieser rekapituliert der totkranke Wiener Musikwissenschaftler Franz Ritter seine Forschungsreisen in den Orient und seine große Liebe zu Sarah, einer berühmten Islamwissenschaftlerin. Eingebettet in diese Rahmenhandlung durchstreift Énard in seinem Roman Kompass die Jahrhunderte, um die Faszination des Abendlandes für den Orient aufzublättern. Er zeigt, wie sich der Westen seit jeher von der Kultur des Orients begeistern und inspirieren ließ – sei es in der Literatur, der Musik, der bildenden Kunst oder der Archäologie. Énard betont die Gemeinsamkeiten zwischen Orient und Okzident und kontrastiert damit seinen Landsmann Michel Houellebecq, der die Angst vor einer Islamisierung Europas schürt. Kompass ist das Buch der Stunde. Am Mittwoch, den 16. November liest Mathias Énard im Literaturhaus aus seinem mit dem Prix Goncourt 2015 ausgezeichneten Roman.

Ein zeitgenössischer Odysseus

Ob Petros Markaris fürs Schreiben seines neuen Erzählbands einen Kompass benötigte, wissen wir (noch) nicht. Sicher ist, dass die sieben Geschichten nach Griechenland, Deutschland und in die Türkei führen. Und dass der griechische Autor in der Titelgeschichte den jahrhundertehalten Mythos von der Irrfahrt des Odysseus in unsere heutige Zeit versetzt: In Der Tod des Odysseus beschließt der alte Bettwarenhändler Odysseus, Athen zu verlassen und seinen Lebensabend in seiner geliebten Heimatstadt Istanbul zu verbringen. Doch dort ist er alles andere als erwünscht. Höchst erwünscht ist Petros Markaris am Mittwoch, den 16. November bei der Münchner Bücherschau im Gasteig. Ach ja: Der antike Held Odysseus war einst ohne Seekarte oder Kompass unterwegs – und seine Heimreise dauerte eine lange, lange Zeit.

Tina Rausch, Literaturfest Redaktion

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