Von Grüblern und Grinsekatzen in Theorie und Praxis

27. Oktober 2015 | By | Add a Comment

Das Making-of des Shootings der Literaturfest-Imagebilder

© Juliana Krohn

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Wer kennt das nicht? – Fußgängerzone, München. Man selbst ist gerade auf dem Weg von oder zu einem Laden oder auch von einem Termin zum nächsten. Ob man gerade entspannt bummelt und die so kurz bemessene Zeit mit sich selbst genießt, oder ob man sich gestresst und jeglichen Blickkontakt vermeidend durch die Menschenmenge schlängelt, um möglichst noch Zeit für einen kurzen Mittagssnack rauszuschlagen – was garantiert immer unerwartet und eigentlich unpassend kommt, ist ein fremder Mensch, der irgendetwas von einem will. Entweder soll man Flyer mitnehmen, die man dann sowieso nicht liest, oder Bücher über „Gott“ und die Welt kaufen, Tiere retten oder auch mal eben eine Patenschaft übernehmen. Da hilft es auch nicht, wenn die, die da kommen, ein einnehmendes Grinsen auflegen und ihr Anliegen mit heller Stimme vortragen. Denn wie die im Grinsen, haben wir mittlerweile auch Übung im Vermeiden; und so kann man sich mit einem „Ich hab jetzt wirklich gar keine Zeit“ oder „Ich bin schon bei den Maltesern“ schnell aus dem Staub machen. Abwehrstrategien wie diese sind nur zu verständlich – denn haben wir nicht alle zu viel zu tun, zu vieles, das auf uns einströmt und begegnen wir nicht tagtäglich zu vielen Leuten, die etwas von uns wollen?

© Juliana Krohn

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Folglich versteht sich von selbst, dass unsere Motivation, auf der Straße Menschen anzusprechen und diese zu fragen, ob sie sich ausgerechnet fotografieren lassen wollen, gegen Null ging. Jetzt sind wir auch nicht die geeignetste Sorte Mensch für so ein Vorhaben. Es gibt bessere Grinsekatzen als uns. Bevor also der erste Mensch angesprochen wurde, haben wir gleich schon mal mögliche Gründe erörtert, warum die Menschen nein sagen könnten. Schließlich ist unser Vorhaben, das Literaturfestprogramm auf der Folie einer multikulturellen Gesellschaft darzustellen, nicht ganz unproblematisch. „Entschuldigen Sie, wir machen gerade Imagefotos für das Literaturfest und bräuchten mal Ihre Hände, denn Sie haben eine andere Hautfarbe und das kommt besonders gut.“ – In Nullkommanichts begibt man sich, obwohl man tatsächlich in einer guten Sache unterwegs ist, auf politisches und moralisches Glatteis. Was in der Theorie und in gesellschaftspolitischen Debatten funktioniert, gestaltet sich in der Praxis viel schwerer. Wir sind für Integration und gegen Pegida und haben doch enorme Hemmungen, auf der Straße beispielsweise arabischstämmige (oder zumindest so aussehende) Menschen zu fragen, ob sie fotografiert werden möchten.

© Juliana Krohn

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Und dann? – Wir hatten nun wirklich keine Zeit zu verplempern. Also wurde aus den zögerlichen Annäherungsversuchen dann doch der große Auftritt der Grinsekatzen. Und siehe da: Zwei Jungs aus London, die hatten natürlich eh kein Problem. Alles easy! Drei Mädchen aus Amerika, die in Rom studieren. Ein Ehepaar, das im Hofgarten die frische Luft genießen wollte und lächelnd in die Kamera blickt, obwohl wir ja eigentlich nur die Hände brauchten. Ein Straßenmusiker, der extra für das Bild noch sein Cello putzen wollte. Denn Künstler müssen Künstler unterstützen – versteht sich von selbst! Eine junge Frau in einer blumigen Burka nebst ihren zwei älteren Verwandten im traditionellen Schwarz. Auf unsere Bitte hin willigt sie mit einem herzlichen Lächeln ein und fordert danach ihre Tanten auf, es ihr gleichzutun. Erst schütteln sie kichernd den Kopf, dann stupst die Jüngere die Ältere sanft mit dem Ellenbogen in die Seite. Gebt euch einen Ruck – verstehen wir auch so. Das Maximum an Abneigung, das uns hier begegnet, ist Verlegenheit. Wer hat etwas anderes erwartet? – Ein rumänischer Maurer, der nicht verste ht, warum wir ihn ausgerechnet mit diesen dreckigen Händen fotografieren wollen, und dann wenigstens noch schnell die Zigarette aus der Hand legen möchte.

© Juliana Krohn

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Und schließlich eine kleine Familie, der Vater hat gerade noch mit der Tochter geschimpft, da diese sich zu weit vom Kinderwagen entfernt hat. Schimpfen auf Arabisch klingt nun einfach nicht einladend. Aber wir brauchen unbedingt noch Kinderhände. Und dann wechselt dieselbe Stimme in ein liebevolles Gesäusel, um das zögernde Mädchen zum Foto zu ermutigen. Stolz bringt der Vater die Tochter in Position, sie lächelt glücklich in die Kamera, wir bedanken uns und wünschen noch einen schönen Urlaub.

Unser Job ist erfüllt, die Imagebilder für das Literaturfest sind im Kasten. Nebenbei hatten wir Gelegenheit das Bild, das wir von uns, aber auch von anderen haben, in der Praxis zu testen, zu korrigieren, zu verbessern.

Text & Bilder: 

Svenja Fischer ist 2015 nervenstarke Assistentin der Literaturfest-Projektleitung. Und verzaubert uns als Sängerin von Gospel/Soul/Jazz/Blues/RnB noch auf ganz und gar andere Weise.

Juliana Krohn ist seit Jahren hochengagierte Festival-Fotografin des Literaturfestes und tatkräftige Unterstützerin des Teams. Und wenn sie nicht gerade in Sachen Literatur unterwegs ist, studiert sie einen Master in Peace Studies.

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